Brennende Erinnerungen

The fire is overdue

Wie entfacht das Feuer des Widerstands, welches Grenzen und Mauern, die uns voneinander trennen, niederbrennt? 

Wann läuft das Feuer so weit, dass Ausbeuter und Heuchler keinen Ausweg aus ihm finden?
Wo startet die Revolution der Menschlichkeit, die Apathie und Korruption den Rücken kehrt?
Was kostet uns das Erwachen aus der Lähmung, wenn Leben und Tod bereits stattgefunden haben?

Wir baden im Meer der Tatenlosigkeit & es brennt lichterloh

Brennende Erinnerungen - Im Namen der Vergessenheit

Bombenhagel, Tod, Hungersnot, Genozid. Seit dem 7. Oktober 2023 sind in Gaza mindestens einhunderttausend Menschen getötet worden; die Dunkelziffer dürfte sich auf ein Vielfaches höher belaufen. Von toten Kindern auf unseren Handybildschirmen über Demonstrationen, bis hin zum Internationalen Gerichtshof, Massenvernichtungswaffen und weiteren fortwährenden, bisher konsequenzlosen Menschenrechtsverletzungen - die Solidarität mit Palästinenser:innen wird stetig zensiert, diskrediert, verdrängt. Der Widerstand gegen die machthabenden Kriegstreiber unserer Zeit wird mit allen Mitteln bekämpft, doch die Flamme unseres höchsten Guts - die der Menschlichkeit - wird nicht erlöschen.

Wir haben im Zuge der zunehmenden Blutrunst in den letzten Jahren viele Geschichten gehört, gelesen und sicherlich wieder vergessen. Doch stachen einige hervor. 

Ein Akt des extremen politischen Protests

In der US-Hauptstadt von Rechtsstaatlichkeit und Freiheit starb am 25. Februar 2024 Aaron Bushnell, ein 25-jähriger Soldat der US-Luftwaffe, nachdem er sich vor dem Eingangstor der israelischen Botschaft in Washington, D.C. in Brand gesetzt hatte. Unmittelbar vor der per Livestream übertragenen Tat rief er: “Ich bin ein aktiver Angehöriger der United States Air Force und ich werde mich nicht länger an einem Völkermord beteiligen. Ich bin im Begriff, einen extremen Akt des Protests zu vollziehen. Aber im Vergleich zu dem, was die Menschen in Palästina durch ihre Kolonialherren erleben, ist das nicht extrem. Es ist, was unsere herrschende Klasse für normal befunden hat.” Bis er zu Boden fiel, rief Bushnell wiederholt "Free Palestine!" und ein Geheimdienstler richtete eine Waffe auf ihn. Zwei andere versuchten, das Feuer zu löschen. Anschließend rückte das Metropolitan Police Department an, um den Geheimdienst zu unterstützen. Bushnell wurde in kritischem Zustand in ein örtliches Krankenhaus gebracht und erlag am selben Abend seinen Verletzungen. Seine Tat war die bis dahin zweite bekannt gewordene Selbstverbrennung in den USA, die sich gegen die Unterstützung Israels und die Zerstörung Gazas richtete. 

Eine protestierende Person hatte sich im Dezember 2023 vor dem israelischen Konsulat in Atlanta in Brand gesetzt. Die von den Beamten nicht identifizierbare Person befand sich in kritischem Zustand, sagte der Polizeichef von Atlanta auf einer Pressekonferenz. “Wir sehen hier keine Bedrohung", sagte er. "Wir glauben, dies war ein Akt des extremen politischen Protests".

Auch der amerikanische Journalist Samuel Mena Jr. war von der Art und Weise überwältigt, wie die US-Medien - und somit auch er selbst - Israels Invasion im Gazastreifen und die Tötung unschuldiger Palästinenser:innen darstellen. Er nahm am 5. Oktober 2024 an einer pro-palästinensischen Kundgebung vor dem Weißen Haus teil, wo er eine Rede über Objektivität und Beidseitigkeit hielt und die amerikanischen Nachrichtenredaktionen für ihre Berichterstattung kritisierte: „Wir, die amerikanischen Journalisten, haben bestenfalls durch Nachlässigkeit oder schlimmstenfalls durch den Einfluss von Unternehmen das Umfeld geschaffen, die Werkzeuge ausgebrütet und auf den Weg gebracht, die die Führer unserer Regierung benutzen, um die Wahrheiten der Welt, in der wir leben, zu zerlegen“, sagte Mena in seiner Rede, die er einen Tag vor der Kundgebung online stellte. „Den 10.000 Kindern in Gaza, die in diesem Konflikt ein Glied verloren haben, gebe ich meinen linken Arm. Ich bete, dass meine Stimme in der Lage war, eure Stimme zu erheben und dass euer Lächeln niemals verschwindet“, rief er, bevor er seinen linken Arm in Brand setzte. Mena wurde später mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert.

Eine Welt, viele Parallelen

Unter völlig anderen Umständen brannte Sha’ban al-Dalou am 15. Oktober 2024 in Deir al-Balah inmitten von Feuer, Schutt und Asche zu Tode. Der Student, der gerade auf dem Gelände des Al-Aqsa Krankenhauses mit einem Infusionstropf verbunden war, wurde mit nur 19 Jahren Opfer von alltäglicher, gewaltvoller Willkür. Das israelische Militär zielte auf das laut Kriegsrecht eigentlich unter Schutz stehende Krankenhaus in Gaza ab, Sha’ban und seine Mutter starben. Sie beschlossen nicht, den Protest gegen die Terrorherrschaft mit ihrem Leben zu bezahlen, dies entschied das israelische Militär. Sie wurden zu Märtyrer:innen, weil Netanyahus Genozidregierung es zu ihrem Schicksal erklärte. Sha’ban war jung, studierte Softwaretechnik und war gezwungen, fern von seinem Zuhause im Zentrum von Gaza ums Überleben zu kämpfen. Monatelang hatte er versucht, Hilfe für seine Familie zu erhalten. Auf seinem Instagram-Account sind Videos zu sehen, in denen er unter anderem von den Sorgen und dem Leben seiner Familie unter den Bomben Israels erzählte. „Es gibt keinen sicheren Ort hier in Gaza“, sagte er aus dem provisorischen Zelt, in dem er seit seiner Flucht lebte.

Auch Hind Rajab, ein fünfjähriges palästinensisches Mädchen, überlebte die israelische Invasion nicht. Sie und ihre Familie flohen aus Gaza, als ihr Fahrzeug beschossen wurde. Sechs ihrer Familienangehörigen und zwei Sanitäter wurden ebenfalls ermordet. Das israelische Militär negierte die Tat; es seien keine Truppen in der Nachbarschaft anwesend gewesen und der Angriff hätte nicht stattgefunden. Doch im Juni 2024 veröffentlichte Forensic Architecture seine Untersuchung, die sich auf visuelles, audio- und anderes gesammeltes Beweismaterial stützte, um die Ereignisse zu rekonstruieren. Die Untersuchung ergab, dass ein israelischer Panzer 335 Schüsse auf das Auto abgefeuert hatte, in dem sich Hind und ihre Familie befanden. Panzerfahrer hätten sehen können, dass das Auto Zivilist:innen, einschließlich Kinder, enthielt. Weiterhin wurde der Schluss gezogen, dass sie offenbar auch den Krankenwagen angegriffen hatten, der Hinds Familie zur Rettung eilte.
Bevor die Ermordung aufgeklärt werden konnte, galt Hind 12 Tage lang als vermisst. Der Fall erreichte die Medien und wurde in weltweiten Solidaritätsprotesten aufgegriffen, unter anderem in den USA und Deutschland, wo Hind als Märtyrerin und ihr Name beispielhaft für die Ermordung unzähliger palästinensischer Mädchen und Frauen geehrt wird.

Wer denkt, dass die imperialistische Gewalt mit dem Erschießen, Zerbomben und Verbrennen von Menschenkörpern ihren Höhepunkt erreicht hat, irrt. In Gaza werden mittlerweile israelische Thermalwaffen eingesetzt, die bis zu 3500 Grad Celsius erreichen und palästinensische Körper evaporieren. Grausamkeit kennt keine Grenzen und Machtgier kein Ende. Während der globale Norden bereits versucht, die Geschichte umzuschreiben, wissen wir: Schandtaten können niemals ausgelöscht werden. Wer leugnet, lügt.

Politischer Gehorsam und kognitive Dissonanz

Das Verständnis für psychische Krankheiten in der Gesellschaft wächst augenscheinlich, ist aber - wie auch vermeintliche Solidarität - an Bedingungen geknüpft. Die herkömmliche, nicht-intersektionale und kolonial geprägte Psychopathologie kategorisiert Handlungen, je nachdem, wie sie mit den Interessen der Machtstruktur zusammenhängen. In der global nördlichen Vorstellung gilt es einerseits als krankhaft, sich für den Tod zu entscheiden, um gegen die Kriegsgewalt zu protestieren, andererseits als vollkommen nachvollziehbar, den aktiven Dienst der Kriegsgewalt auszuüben, welcher ebenfalls im Tod mündet. Wir werden zunehmend militarisiert, indem die Bundeswehr staatlich kreierte prekäre Lebenssituationen ausnutzt, um Gewalt und Tod attraktiv zu schmücken. Während sie unsere Jugend in Schulen und durch öffentliche Beeinflussung korrumpiert, um anschließend ihre Körper zu kaufen und zu missbrauchen, beobachten wir in HD, wie Opfer selbiger Kriegsgewalt - unter anderem Sha’ban al-Dalou und Hind Rajab - in Brand gesetzt werden, weil sie existieren. 

Dies wirft ein gefährliches - das gefährlichste - Problem auf: Wir können uns in Menschen hineinversetzen, die aus persönlichem Leid handeln, aber nicht in diejenigen, die unter kollektivem Schmerz leiden. Ihre Empathiefähigkeit übersteigt unsere so stark, dass wir keine Verbindung mehr zu ihnen herstellen können. Kognitive Dissonanz. Wenn wir bedenken, wie tief unter anderem Aaron Bushnell für andere empfunden haben muss – so sehr, dass seine Empathie ihm das Leben unmöglich machte –, sollten wir uns fragen, ob er zu einer tieferen Liebe fähig war als die meisten von uns. 

Statt jedoch anzuerkennen, wie das System Menschen seit Jahrhunderten durch Unterdrückung und Ohnmacht in den Suizid treibt, stempelt die Gesellschaft sie als „geisteskrank“ und nicht erwähnenswert ab. Dies ist ein wiederkehrendes Muster: politische Äußerungen werden abgewertet, indem man den Sprecher diskreditiert. Somit verweilt die Gesellschaft als krankmachende, menschenbekämpfende Instanz und Verantwortliche müssen nicht in den Spiegel schauen. Wie denn auch, wenn wir ihn ihnen nicht vorhalten?

Von selektiver Solidarität über Pathologisierung bis hin zur Diffamierung

In den gängigen deutschen (auch linken) Medien lässt sich kein Beitrag finden, der sich ausführlich mit dem Thema aktueller politischer Selbstverbrennungen befasst. Dass über Suizide verhältnismäßig wenig und vorsichtig berichtet wird, liegt am Werther-Effekt. Doch Bushnells Motiv, gegen den Vernichtungskrieg an den Palästinenser:innen zu protestieren, wurde durch die einseitige Berichterstattung in den internationalen Mainstream-Medien verwässert und diskreditiert. Wenn Mensch sein Leben beendet - nicht aufgrund politischer Geschehnisse, sondern wegen anderer persönlicher Kämpfe, trauert die Öffentlichkeit und fühlt sich dazu bewegt, Maßnahmen zu ergreifen und zukünftige Tragödien zu verhindern. Doch im Fall solcher politischer Extremakte können wir uns nicht vorstellen, dass ein Mensch sich aufgibt, um Solidarität mit einem unterdrückten, aktiv bekämpften Volk zu zeigen. Es ist für uns unvorstellbar, dass es jemanden vollumfänglich einnehmen und zerstören kann, dass Staaten, die wir bewohnen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen. Als angeblich progressive Generation und Gemeinschaft, die vermeintlich uneingeschränkten Zugang zu Wissen hat - wie gehen wir mit unserer Verantwortung als Mitmenschen um? Wie kann es sein, dass sich diese Regierungen der Schuld an Völkermorden entziehen können? Wieso gibt es keine Konsequenzen, wenn Widerständige wie Semra Ertan das Brennen erträglicher finden als das durch Unterdrückung geprägte Leben? Wie ist es möglich, zu vergessen, dass der Arabische Frühling durch den Funken der Selbstverbrennung des tunesischen Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi am 17. Dezember 2010 ausgelöst wurde? Wie können wir ignorieren, dass das Feuer längst brennt?

Zara Momand

Zara Momand ist angehende Psychologin und politische Bildnerin. In ihrer Arbeit widmet sie sich aus intersektionaler Perspektive unter anderem strukturellen und kulturellen Einflüssen, um gegen Korruption und Unterdrückung von Menschen und Gruppen zu arbeiten.

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Wünsche für die Zukunft